Smartwatch: Blutdruck Genauigkeit verlässlich?
Moderne Smartwatches gelten längst als kleine Gesundheitslabore fürs Handgelenk. Sie messen Puls, Blutdruck, Atmung, Schlaf, Stresslevel und sogar den Menstruationszyklus. All das funktioniert, obwohl die Uhr nur über die Haut Kontakt mit dem Körper hat. Doch wie zuverlässig sind diese Daten wirklich? Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Dieser Artikel erklärt detailliert, wie Smartwatches Vitalfunktionen messen, wo ihre technischen Grenzen liegen und welchen Werten Sie vertrauen können – und welchen eher nicht.
Inhaltsverzeichnis
- Das Wichtigste in Kürze
- Wie genau messen Smartwatches Vitalfunktionen?
- So messen Smartwatches den Puls
- Blutdruckmessung am Handgelenk – technisch möglich, aber kritisch
- Sauerstoffsättigung: Hoher Anspruch, geringe Genauigkeit
- Haut- und Körpertemperatur: Warum die Werte täuschen
- Atmung, Schlaf und Stress – hilfreiche Trends, keine Diagnosen
- EKG und Menstruationszyklus – zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen
- Fazit
Das Wichtigste in Kürze
- Smartwatches messen Vitalwerte überwiegend indirekt über Licht- und Bewegungssensoren
- Die Pulsmessung ist relativ zuverlässig, vor allem in Ruhe
- Blutdruck- und Sauerstoffmessungen sind technisch möglich, aber oft ungenau
- Schlaf-, Stress- und Atemdaten sind eher Orientierung als medizinische Diagnose
- EKG-Funktionen zählen aktuell zu den zuverlässigsten Gesundheitsfeatures
Wie genau messen Smartwatches Vitalfunktionen?
Smartwatches messen Vitalfunktionen überwiegend indirekt über optische Sensoren. Puls und EKG sind vergleichsweise genau, während Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Hauttemperatur nur eingeschränkt medizinisch verwertbar sind.
So messen Smartwatches den Puls
Die Pulsmessung ist die älteste und technisch ausgereifteste Funktion moderner Smartwatches. Statt die Pulsader direkt zu erfassen, nutzen die Geräte eine Methode namens Photoplethysmographie. Dabei sendet eine grün leuchtende LED Licht in die Haut. Rote Blutkörperchen absorbieren dieses Licht teilweise. Ein Sensor misst, wie viel Licht zurückgeworfen wird.
Daraus lassen sich Blutfluss und Pulsfrequenz berechnen. Studien zeigen, dass diese Methode bei Ruhepulswerten unter 100 Schlägen pro Minute sehr genau ist. Abweichungen entstehen vor allem bei Bewegung, Sport oder locker sitzender Uhr. Eine Studie aus dem Jahr 2019 ergab durchschnittliche Abweichungen von rund zehn Prozent. Medizinisch gilt das als akzeptabel.
Blutdruckmessung am Handgelenk – technisch möglich, aber kritisch
Einige aktuelle Modelle wie die Samsung Galaxy Watch 5 oder die Huawei Watch D werben mit Blutdruckmessung. Anders als klassische Manschetten am Oberarm messen Smartwatches den Blutdruck jedoch nicht direkt. Sie berechnen ihn aus Volumenänderungen der Blutgefäße.
Das ist problematisch, da der Blutdruck stark schwankt und stark von der Messposition abhängt. Der Oberarm liegt auf Herzhöhe und besitzt große Arterien. Das Handgelenk erfüllt diese Voraussetzungen nicht. Zudem fehlen bislang unabhängige Studien, die eine medizinische Genauigkeit bestätigen. Einzelne Messwerte sollten daher nicht überbewertet werden. Für eine Diagnose sind sie ungeeignet.
Sauerstoffsättigung: Hoher Anspruch, geringe Genauigkeit
Die Messung der Sauerstoffsättigung erfolgt über Infrarotlicht. Je heller das reflektierte Blut erscheint, desto höher ist der Sauerstoffanteil. Theoretisch klingt das schlüssig. In der Praxis zeigen Studien jedoch deutliche Schwächen. Forschende der Duke University verglichen Smartwatches mit medizinischen Referenzgeräten.
Selbst die Apple Watch 7 erreichte nur bei 58 Prozent der Messungen akzeptable Werte. Andere Modelle lagen deutlich darunter. Medizinisch relevant sind Sauerstoffwerte unter 90 Prozent. Genau hier versagen viele Smartwatches. Für eine verlässliche medizinische Einschätzung sind sie ungeeignet.
Haut- und Körpertemperatur: Warum die Werte täuschen
Viele Smartwatches messen inzwischen die Hauttemperatur, meist nachts. Der Grund ist simpel. Temperatursensoren erfassen vor allem ihre eigene Wärme. Im Alltag würde daher eher die Temperatur der Uhr als die der Haut gemessen. Deshalb ermitteln die Geräte zunächst eine Basistemperatur im Schlaf.
Tagsüber werden nur Abweichungen angezeigt. Diese Schwankungen entstehen jedoch schon durch Sonne, Bewegung oder Raumtemperatur. Rückschlüsse auf Fieber oder tatsächliche Körpertemperatur sind nicht möglich. Medizinisch sind diese Daten kaum relevant und sollten kritisch betrachtet werden.
Atmung, Schlaf und Stress – hilfreiche Trends, keine Diagnosen
Atmung, Schlaf und Stress werden aus mehreren Datenquellen berechnet. Puls, Bewegungen, Atemrhythmus und Herzratenvariabilität spielen zusammen. Die Atemfrequenz weicht laut Studien der Purdue University nur um wenige Atemzüge pro Minute ab. Das gilt als akzeptabel. Beim Schlaf erkennen Smartwatches zuverlässig, ob jemand schläft. Die genaue Schlafphase hingegen wird oft falsch interpretiert.
Studien zeigen Trefferquoten von nur etwa 50 Prozent. Stresslevel basieren meist auf der Herzratenvariabilität. Diese ist zu rund 70 Prozent korrekt, wird jedoch auf herstellerspezifischen Skalen dargestellt. Ein Vergleich zwischen verschiedenen Uhren ist daher nicht sinnvoll.
EKG und Menstruationszyklus – zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen
Die EKG-Funktion gehört zu den präzisesten Gesundheitsfeatures moderner Smartwatches. Modelle wie die Withings Scanwatch oder aktuelle Samsung- und Fitbit-Uhren können Herzrhythmusstörungen mit hoher Genauigkeit erkennen. Voraussetzung ist eine korrekte Durchführung in Ruhe.
Studien der Harvard University zeigen Genauigkeiten von bis zu 95 Prozent. Der Menstruationszyklus hingegen wird meist noch manuell erfasst. Automatische Prognosen basieren auf Hauttemperaturveränderungen im Schlaf. Medizinisch zertifiziert sind diese Funktionen nicht. Zur Verhütung dürfen sie keinesfalls eingesetzt werden.
Fazit
Smartwatches messen Vitalfunktionen beeindruckend vielseitig, aber nicht gleich zuverlässig. Puls und EKG liefern wertvolle Hinweise, Schlaf-, Stress- und Atemdaten helfen bei der Selbstbeobachtung. Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Hauttemperatur bleiben kritisch. Wer die Daten als Trends versteht und nicht als Diagnose, profitiert am meisten. Für medizinische Entscheidungen ersetzt die Smartwatch jedoch keinen Arztbesuch.